Falsch verbunden

Mit einem Sorgentelefon will der Asta Göttingen Verbindungsstudenten beim Ausstieg helfen. ZEIT Campus, August 2011

Johannes hat schnell gemerkt, dass er für sein günstiges Zimmer in der Burschenschaftsvilla einen moralischen Preis bezahlt. Bei einem Diskussionsabend polterte ein Verbindungsbruder gegen einen EU-Beitritt der Türkei: Muslime würden ihre Reisefreiheit nutzen, um über deutsche Frauen herzufallen! „Ich dachte mir nur: Was labert der für eine unglaubliche Scheiße?“, sagt Johannes. „Ich habe nach Belegen für seine Thesen gefragt, bis ich des Saales verwiesen wurde.“

Seither galt Johannes in seiner Verbindung als Unperson. Egal wohin er ging, immer blieb ein Bursche in seiner Nähe. Als er eines Nachts heimkam, hatte jemand seine Zimmertür abgeschlossen, juristisch gesehen ein Fall von Nötigung. Johannes rief die Polizei, packte seine Koffer und zog in eine normale WG. „Ich hatte mir zum Glück viele Kontakte neben der Verbindung erhalten“, sagt der heute 34-Jährige. „Andere aber sind an ihrem Austritt beinahe zerbrochen und brauchten Hilfe von außen.“

Der Asta Göttingen hat deshalb Ende Mai ein Sorgentelefon speziell für Verbindungsstudenten eingerichtet. „Bei manchen Anrufern gehört die Mitgliedschaft in der Verbindung zur Familientradition. Die machen sich Sorgen, dass sie von den Eltern keinen Unterhalt mehr bekommen, wenn sie austreten“, sagt eine Studentin aus dem Beraterteam, die anonym bleiben will. Mittlerweile bearbeiten die ehrenamtlichen Helfer in der Verbindungshochburg Göttingen drei bis vier Fälle pro Woche. In Leipzig, wo seit 2007 eine ähnliche Hotline existiert, ist die Nachfrage hingegen nur gering.

Die Burschenszene macht sich derweil mit Scherzanrufen über das Hilfsangebot lustig. Auch der Sprecher des Dachverbands Neue Deutsche Burschenschaft, Janko Schwalbe, nimmt die Kritik nicht ernst: „Das ist eine reine Böswilligkeit des Astas, um uns als komische Sekte darzustellen.“ Doch erst kürzlich ist die Szene wieder in Verruf geraten, weil rechtsextreme Burschen forderten, Mitglieder mit ausländischen Wurzeln aus der Gemeinschaft auszuschließen.

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