Die falsche Nase

Manche Unternehmen wählen Mitarbeiter nach der Schädelform aus. ZEIT Campus, Oktober 2011

Wer zum Vorstellungsgespräch bei Klaus Eisenblätter geladen ist, sollte nicht nur gute Zeugnisse mitbringen, sondern auch die passenden Gesichtszüge. Der Personalberater hilft großen Firmen bei der Bewerberauswahl – und glaubt fest an Genetik. »Der Urcharakter eines Menschen steht von Geburt an fest«, sagt er. Ungeduldige Menschen etwa erkenne er am starken Unterkiefer.

Psycho-Physiognomik nennt sich der groteske Versuch, vom Äußeren aufs Innere zu schließen. Die Nazis nutzten die Lehre, um ihre Rassentheorie zu untermauern. Heutige Vertreter der Methode distanzieren sich davon natürlich. Wissenschaftlich gesehen ist die Theorie völliger Humbug. »Es ist traurig, dass das noch gemacht wird«, sagt der Osnabrücker Psychologe Uwe Kanning.

Mitunter verfallen sogar namhafte Firmen der Schädeldeuterei. Der Kaffeeröster Jacobs etwa hat sich bei Physiognomikern Rat geholt. Auch Vertreter des Handelskonzerns Douglas und der Modekette Peek & Cloppenburg (P&C) nahmen an Physiognomie-Seminaren der Firma Sensolution teil. »Zuerst lernen die Teilnehmer den Körperbau und die Grundnaturelle kennen«, erklärt die Anbieterin Julia Simon. »Menschen mit feinem Körperbau legen Wert auf die Arbeitsatmosphäre. Solche mit sportlicher Statur sind eher wettbewerbsorientiert.«

Bei Douglas bezeichnet ein Mitarbeiter den Kurs als »total klasse«. Der Personalchef von P&C, Andreas Heller, lobt die Methode auf der Sensolution-Homepage: »Das Training hat den Mitarbeitern nicht nur Wissen, sondern die Begeisterung für den täglichen Einsatz der Physiognomik mitgegeben.« Vielleicht sollte man beim nächsten Klamottenkauf auf die Schädelform der Kassierer achten.

 

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