Im Namen des Herrn

Bibeltreue Christen gründen Privatschulen. Was lehren sie im Biologieunterricht? DIE ZEIT, 13. Oktober 2011

Nicht nur lesen und schreiben sollen Anne Seegers Kinder in der Schule lernen, sondern auch biblische Werte. »Aber wer soll die vermitteln, wenn es an staatlichen Schulen nur noch wenige Christen gibt?« Zusammen mit anderen Eltern aus freikirchlichen Gemeinden hat die 35-Jährige darum eine eigene Grundschule in Braunschweig gegründet, die ersten 15 Jungen und Mädchen besuchen sie seit diesem Sommer. Die Morgenandacht steht fest auf dem Stundenplan. Seeger schwärmt, wie inspiriert ihre zwei Söhne heimkämen. »Weil sie keinen Bruch erleben zwischen der Schule und dem, was wir ihnen zu Hause vermitteln.«

Braunschweig ist die jüngste Schulneugründung evangelikaler Christen, also jenes Teils der Protestanten, der sich strikt an der Bibel orientiert und diese teils wörtlich auslegt. Die Zeitschrift ideaSpektrum, ein Organ der bibeltreuen Bewegung, zählt deutschlandweit 92 evangelikale Privatschulen – mit steigenden Anmeldezahlen. Allein im vergangenen Jahr ist die Schülerzahl um mehr als fünf Prozent gewachsen, auf über 33.000. Das ist zwar immer noch eine Minderheit aller Schüler, nicht einmal ein Prozent, aber eine, die wächst.

Dabei machten bibeltreue Christen bislang eher als Schulverweigerer auf sich aufmerksam. Erst vor wenigen Wochen unterlagen Paderborner Baptisten, die ihre Kinder nicht am Sexualkundeunterricht teilnehmen lassen wollten, vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Die Schulpflicht diene dazu, urteilten die Straßburger Richter, die Bildung von Parallelgesellschaften zu verhindern.

Solche Fälle legen die Frage nahe, wie es eigentlich zugeht in den evangelikalen Schulen, die ja auch die staatlichen Bildungsziele erfüllen müssen. Haben zumindest die Gemäßigten im bibeltreuen Spektrum ihren Frieden mit dem deutschen Bildungswesen gemacht? Oder lässt das Privatschulrecht Inseln zu, auf denen Kinder nur das lernen, was ins religiöse Weltbild passt?

Große Pause am Freien Christlichen Gymnasium Düsseldorf. Wenn Ulrich Falk, 56, Baptist und stellvertretender Schulleiter, summend durch die Aula schreitet, die Lesebrille auf die Stirn geschoben, und vorbeirennende Schüler freundlich grüßt, hat man nicht den Eindruck, an einer weltabgewandten Schule zu sein. Ein Neubau, viel Glas, viel Licht, in den Klassenräumen hängen interaktive Whiteboards statt Schiefertafeln. Ulrich Falk ist begeistert von der Wertevermittlung im Schulleben. Diese Werte formuliert er dabei so allgemein, dass sie jeder Atheist ohne zu zögern unterschreiben könnte: Respekt, Nächstenliebe, Mitgefühl.

Nach einer Andacht am Morgen hätten die Schüler zum Beispiel plötzlich die Idee gehabt, einen Spendenlauf für die Tsunami-Opfer in Japan zu organisieren. »Innerhalb einer Woche haben die das gestemmt«, sagt Falk. »Komplett in Eigenregie.«

Der Rheinisch-Bergische Verein Freie Christliche Schule hat Erfolg mit seinem Konzept: Fünf Schulen betreibt er, das Düsseldorfer Gymnasium kam 2003 dazu und im vergangenen Jahr eine Gesamtschule in Siegburg. Was überrascht: Laut Verein stammt ein Großteil der Schüler inzwischen aus Familien, die weder übermäßig gläubig sind noch einer evangelikalen Gemeinde angehören. Moderner Unterricht, der über Wissensvermittlung hinausgeht – es sind die üblichen Vorstellungen von der Idylle Privatschule, die auch bei den evangelikalen Bildungsanbietern die Anmeldezahlen steigen lassen.

»Viele Eltern denken, an diesen Schulen geht es ordentlich zu, dort werden Werte vermittelt. Die Indoktrination übersehen sie dabei oft«, sagt Dittmar Graf, der als Professor für Biologie-Didaktik an der Technischen Universität Dortmund die Entwicklung mit Sorge beobachtet. Gerade in den Naturwissenschaften würde, als alternative Theorie verbrämt, oft ein fundamentalchristliches Weltbild vermittelt. Etwa mit der wissenschaftlich verkleideten Variante der biblischen Schöpfungserzählung, dem Kreationismus.

In Ostwestfalen haben russlanddeutsche Aussiedler eine der größten evangelikalen Schulen hierzulande aufgebaut. Der Christliche Schulverein Lippe betreibt allein in Detmold vier Schulen, alle benannt nach dem Pietisten August Hermann Francke, dazu weitere im Umland. Rund 2400 Jungen und Mädchen besuchen die streng christlichen Lehranstalten. »Die Eltern«, sagt Peter Dück, Geschäftsführer des Schulträgers, »wünschen sich eine Erziehung aus einer Hand und mit evangelischem Bekenntnis. Das ist so an einer öffentlichen Schule nicht möglich, weil diese alle Fächer neutral unterrichten muss.«

Dück redet bedacht, ein freundlicher Mann, aber mit einer kompromisslosen Botschaft. Stellenbewerbern, die in einer Partnerschaft ohne Trauschein leben, legt er nahe, es doch besser woanders zu versuchen. Wer an seinen Schulen unterrichten will, soll sich zu den Grundsätzen der Evangelischen Allianz bekennen, der Basis vieler konservativer Christen, die unter anderem die Irrtumslosigkeit der Bibel »in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung« beinhaltet.

Aber was, wenn die Heilige Schrift und die Schulbücher unterschiedliche Antworten geben?

Ein ehemaliger Referendar des Detmolder August-Hermann-Francke-Gymnasiums, der anonym bleiben möchte, berichtet von einem recht eigenwilligen Sexualkundeunterricht, bei dem in den Biologiebüchern die Bilder von nackten Menschen zensiert worden seien. Dück bestreitet das. »Es gab vereinzelt den Wunsch aus der Elternschaft, dass wir Bilder aus den Büchern entfernen. Aber bei uns werden weder Seiten entfernt noch Bilder überklebt.«

Dass die Lehrer den Schülern allerdings eine klar konservative Interpretation mit an die Hand geben, bestreitet Dück nicht. »Man kann Sexualität positiv nutzen im Sinne des Schöpfers. Sie gehört nach unserem Verständnis in die Ehe, und diese Empfehlung vermitteln wir den Schülern.« Beim Thema Homosexualität betonten die Lehrer stets, »wie Gott es sich eigentlich gedacht hat« – nämlich nicht so. Dass eine solch rigide Sexualmoral für Heranwachsende ein enormer Druck sein kann, ist Dück klar: Er hofft, dass Schüler sich an Vertrauenslehrer wenden, »falls sie eine Spannung empfinden«.

Evangelikale Christen nehmen nicht nur am Sexualkundeunterricht Anstoß, sondern vor allem auch an der Evolutionstheorie. Der Verband evangelischer Bekenntnisschulen, dem über die Hälfte der evangelikalen Schulen angehören, macht keinen Hehl daraus, dass in den Klassenräumen beides gelehrt wird: Evolution, aber auch die Schöpfungslehre. Gleichberechtigt nebeneinander, vielerorts sogar im Biologieunterricht. Das passende Material dazu gibt es längst: Das Unterrichtswerk Evolution – ein kritisches Lehrbuch der Studiengemeinschaft Wort und Wissen hat sich 48000-mal verkauft. Und auch Klassen der sich eher liberal gebenden Düsseldorfer Schulen machen Exkursionen in ein »Schöpfungsmuseum«.

Wissenschaftler sind entsetzt darüber. »Die Tatsache der Evolution wird hier als unbewiesene Hypothese dargestellt«, sagt etwa Ulrich Kutschera, Biologieprofessor an der Universität Kassel. Das Problem sei dabei gar nicht so sehr, dass in einem einzelnen Schulfach der Stand der Wissenschaft relativiert werde. Sondern wie dies geschehe: Mit dem Kreationismus vermittele der Unterricht implizit, dass man die Bibel zur Erkenntnisgrundlage machen könne – was offener, vorurteilsfreier Forschung widerspreche.

Dittmar Graf befürchtet, dass die Evangelikalen hier besonders leichtes Spiel haben, weil auch vielen Nichtchristen die Evolution schlicht nicht wichtig genug ist: In einer Umfrage unter seinen Studenten stellte sich heraus, dass selbst unter angehenden Biologielehrern die Kenntnisse recht lückenhaft sind.

Auch sein Wissenschaftskollege Kutschera findet deutliche Worte: »Wissenschaftliche Fakten und religiöse Glaubensinhalte im Biologieunterricht derart zu vermischen ist verantwortungslose Volksverdummung.«

Wie gehen die Behörden damit um? In Detmold etwa weiß die Schulaufsicht bei der Bezirksregierung darüber Bescheid, dass das Schöpfungsmodell gelehrt wird. Die Francke-Schule bewege sich aber »im vertretbaren Bereich«, sagt eine Sprecherin.

Denn rechtlich ist es durchaus zulässig, Kreationismus sogar im Biologieunterricht zu propagieren, solange die Evolutionstheorie nicht gänzlich verschwiegen wird: »Schulen in freier Trägerschaft müssen alles gleichwertig unterrichten und die Bildungsziele des Staates erreichen«, sagt der Berliner Schulrechtsprofessor Johann Peter Vogel. »Aber es ist ihnen unbenommen, ihre eigene, spezifische Sicht hinzuzufügen.«

Dem Bildungsrechtler Thomas Langer von der Universität Bochum zufolge ist das klare Bekenntnis für Grundschulen sogar Genehmigungsvoraussetzung. Salopp gesagt: Ohne Schöpfung keine Schule.

Wie schnell eine spezifische Sicht für die Schüler zur unumstößlichen Wahrheit wird, berichtet der ehemalige Referendar der Francke-Schule. Eines Tages sei ein Gastredner gekommen, der den Oberstufenschülern erklärte, es gäbe inzwischen wissenschaftliche Hinweise darauf, dass Gott die Arten erschaffen habe. Der Referendar war wohl einer der wenigen, die den Vortrag kopfschüttelnd verfolgten.

Denn am Ende habe der Saal vor Begeisterung getobt.

 

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