„Die wollen alle möglichst schnell raus“

Mehr Zeit für Hobbys durch einen Teilzeitjob, das Berufsleben langsam ausklingen lassen und dem „Ruhestandsschock“ eine Nase drehen – das klingt schön. In der Theorie. Aber in der Praxis kann sich die Altersteilzeit bisher nicht durchsetzen. Warum eigentlich? Spiegel Online, 15. Februar 2012

Am Montag, wenn sich andere ins Büro schleppen, schläft Marlies Weirich aus, dann macht sie sich in aller Ruhe fertig fürs Schwimmbad. Am Donnerstag geht sie ins Fitnessstudio. Die Geräte hat sie dann fast für sich allein. „Das Schöne ist, dass morgens unter der Woche wenig Betrieb ist, meistens sind nur zwei Leute da.“ Zur Arbeit ins Finanzamt Trier, Amtsstelle „Veranlagungsbezirk Einkommenssteuer H bis K“, geht die 60-Jährige nur noch am Dienstag, Mittwoch und Freitag, dafür aber gut erholt und gerne.

Seit 1971 ist Marlies Weirich beim Finanzamt beschäftigt. Seit dem 1. Juli 2008 macht sie Altersteilzeit – sie lässt ihr Berufsleben langsam ausklingen und das Rentnerdasein allmählich beginnen, sie arbeitet noch, ist aber auch schon ein wenig im Ruhestand. Von einem Tag auf den anderen erschöpft in die Rente zu sinken – undenkbar für sie. Ehemaligen Kollegen, hat sie beobachtet, falle die Decke auf den Kopf, weil sie die viele Freizeit nicht gewohnt seien. Es droht still zu werden, wenn all das zu plötzlich kommt.

Um eben diesen Ruhestandsschock zu vermeiden, wurde 1996 das Altersteilzeitgesetz geschaffen. Beschäftigten sollte es, mit Fördergeldern von den Arbeitsagenturen, ein Leben ermöglichen wie das von Marlies Weirich. Damit die Teilzeit lohnt, wurde das Gehalt aufgestockt: Für 50 Prozent der Arbeit bekam man 70 Prozent des alten Gehaltes, in manchen Tarifverträgen sogar mehr. Stellte der Arbeitgeber für die freie Teilzeitstelle einen Arbeitslosen oder Berufsanfänger ein, hat die Arbeitsagentur die Aufstockung sogar übernommen. In der Theorie klingt die Idee gut, und tatsächlich ist die Altersteilzeit sehr beliebt geworden. Aber ganz anders, als geplant.

Ein gleitender Übergang in den Ruhestand wie bei Marlies Weirich ist die Altersteilzeit nämlich kaum. Fast 90 Prozent aller Altersteilzeitler nutzen das so genannte „Blockmodell“: Sie arbeiten für ein reduziertes Gehalt voll weiter – und gehen dafür ein paar Jahre früher. De facto ist die Altersteilzeit in dem allermeisten Fällen eben keine Teilzeit – sondern einfach ein Vorruhestand. Auch deswegen hatte die Regierung beschlossen, die Förderung ab Januar 2010 einzustellen. Seitdem spielt die Altersteilzeit kaum noch eine Rolle.

Helmut Wolff hat als Betriebsrat bei einem Hersteller für Sicherheitssysteme über die Jahre viele Kollegen in die Altersteilzeit begleitet. Klassische Teilzeit wollte so gut wie niemand. „Die wollen alle so früh wie möglich raus und einen klaren Schnitt“, sagt er. „Auch der Arbeitgeber will das lieber so.“

Der Ruhestand ist ein Skoda Felicia, Baujahr 1960

Seit April 2010 befindet sich der 62-jährige Münsteraner nun selbst in der „Freistellungsphase“, so heißen die arbeitsfreien Jahre vor dem offiziellen Rentenbeginn. Über das Internet hat er sich einen Skoda Felicia, Baujahr 1960, taubenblau, gekauft. Als er noch arbeitete, stand das Cabrio verpackt unter einem Unterstand. Jetzt schraubt der gelernte Energieanlagenelektroniker an dem Oldtimer. „Es hat natürlich ein paar Monate gedauert, bis mir klar war, dass ich jetzt ein anderes Leben habe“, sagt Wolff. „Einen richtigen Ruhestandsschock hatte ich aber nicht.“

„Es war eine Überraschung, dass der gleitende Übergang in den Ruhestand so selten praktiziert wurde“, sagt Matthias Knuth, Professor am Institut Arbeit und Qualifikation an der Universität Duisburg-Essen. Dass die gut gemeinte Idee in der Praxis scheiterte, hat seiner Ansicht eine ganze Reihe von Ursachen.

Nicht jeder Arbeitnehmer hat ein so inniges Verhältnis zu seinem Job, dass er möglichst lange arbeiten will. Gerade bei Älteren, so Knuth, staue sich ziemlich viel Frust an, wenn der Betrieb ständig umstrukturiert wird. „Deren größte Sorge ist nicht der Ruhestandsschock, sondern dass sie möglichst schnell rauskommen.“

Betriebe können ihren Personaleinsatz besser mit dem Block- als mit dem klassischen Teilzeitmodell planen. „Teilzeitstellen zu schaffen, ohne dass die Produktion es erfordert, bedeutet einen zusätzlichen Aufwand“, sagt Knuth. Altersteilzeitler Wolff bestätigt das: „Als Betriebsrat auf einer halben Stelle, das wäre gar nicht gegangen.“ Und Marlies Weirich musste erst einmal das Büro wechseln, ehe sie in Altersteilzeit gehen konnte – von der Buchstabengruppe D bis F zu H bis K, weil nur dort eine Teilzeitstelle frei war.

Stahlarbeiter in Teilzeit? Undenkbar!

Es fehlt die Teilzeitkultur. Jahrzehntelang orientierte sich der deutsche Arbeitsmarkt am Leitbild des männlichen Familienernährers mit Vollzeit-Gehalt. Marlies Weirich fiel die Entscheidung für die Altersteilzeit wohl auch deswegen leicht, weil andere Kolleginnen auf dem Amt bereits reduziert arbeiteten – Teilzeit war dort nichts Ungewöhnliches mehr. „Aber ein Stahlarbeiter, der sein ganzes Leben voll gearbeitet hat, wird eine Teilzeitbeschäftigung wohl kaum für sich als richtige Arbeit ansehen“, sagt Knuth.

Ist die Altersteilzeit damit gestorben? Keineswegs, sagt Knuth. Er ist sich sicher: Ihre Stunde wird kommen – nicht nur, weil Teilzeit-Jobs insgesamt gängiger werden und sich damit die Arbeitskultur im Land wandelt. „Vor allem durch die Rente mit 67 stellt sich die Frage noch einmal ganz neu, wie Arbeitnehmer ihre Kräfte bis dahin am besten einteilen können“, sagt Knuth.

So denkt auch Marlies Weirich. „Ich hätte das früher belächelt, aber ein 8-Stunden-Tag ist mit dem Alter nicht mehr so easy“, sagt sie. „Wenn ich abends nach Hause kam, hatte ich für den Haushalt kaum noch Kraft.“ Jetzt, in Teilzeit, fällt ihr die Arbeit leichter – dafür muss sie aber sogar bis 68 im Beruf bleiben. So sieht es die Altersteilzeit-Regelung für rheinland-pfälzische Beamte vor. Doch Weirich ist zuversichtlich: „In der Politik gibt es ja viele, die im hohen Alter noch arbeiten.“

Und schließlich geht sie ja jetzt jeden Donnerstag ins Fitnessstudio.

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