Medizinerpromotion: Uralter Doktorhut

Das Plagiatsverfahren gegen Ursula von der Leyen (CDU) hat die laschen Promotionspraxis der Mediziner ins Licht gerückt. Schon seit Jahrhunderten machen Ärzte in Massen in ihren Doktor – und das mit dünnen Arbeiten. Wie kam es zu diesem Sonderfall?

Es gibt Leute, die für die zwei Buchstaben vor dem Namen kämpfen. Die sich durch verästelte Fachliteratur lesen. Mit komplizierten Versuchen scheitern, es immer wieder erneut probieren, jahrelang. Die eine noch offene Frage klären wollen. Die 100 Seiten schreiben, um der Antwort näher zu kommen, 200 Seiten, 300 Seiten, um die Welt am Ende ein winziges Bisschen klüger gemacht zu haben.

Und es gibt die Mediziner.

Das Fach steht wieder im Fokus, seit Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) mit ihrer Dissertation unter Plagiatsverdacht geraten ist. In kaum einem Fach schließen mehr Absolventen mit dem Doktorgrad ab als in der Medizin. In kaum einem Fach ist der Titel leichtfertiger erworben.

Der Wissenschaftsrat, das wichtigste Beratungsgremium der Hochschulpolitik, moniert die laxen Sitten bereits seit Jahrzehnten. Es habe sich in der Medizin ein „Gewohnheitsrecht entwickelt, demzufolge die Verleihung des Doktorgrades weitgehend unabhängig von der Qualität der Promotionsleistungen erfolgt“, schrieb der Expertenkreis 2004. Und in ähnlichen Worten in den Jahren davor und danach.

Sehr mittelmäßige Köpfe“

Am erstaunlichsten ist, wie altbekannt das Problem ist. Denn die Klage über den besonderen Promotionsstandard, den sich die Mediziner gönnen, durchzieht die Universitätsgeschichte. Im Allgemeiner Anzeiger der Deutschen etwa las man 1817, „dass sehr mittelmäßige Köpfe, die noch obendrein ihre akademischen Jahre sehr schlecht benutzten, statt die Hörsäle zu besuchen, von einem Kaffeehause zum andern, von einem Dorfe zu andern schwärmten, die keine Zeile Latein schreiben, noch reden konnten, dennoch promoviert haben“.

Und von einem Mediziner, der 1866 den Doktor in Berlin erhielt, sind Zeilen voller Verachtung für das eigene Elaborat überliefert. „Als Substrat für die Doktorarbeit ließ man sich meist aus einer der Kliniken eine oder mehrere auf die gleiche Krankheit bezügliche Krankengeschichten geben, dazu wurde ein begleitender Text aus einigen Lehr- und Handbüchern zusammengeschrieben, das Ganze ließ man in das Lateinische übersetzen, und nun war das unsterbliche Werk … zum Druck fertig.“

Im Laufe der Jahrhunderte hat sich ein Distinktionsmerkmal so sehr verselbstständigt, dass es heute immun erscheint gegen jede Kritik. Dazu beigetragen hat, dass die studierten Mediziner seit jeher eine ebenso statusbewusste wie statusverängstigte Klientel bildeten.

Abgrenzung gegenüber Laienheilern

Der Doktor war der erste und lange der einzige Abschluss, den die Universitäten zu vergeben hatten; die Medizin war neben Theologie und Recht eines der zentralen Fächer der mittelalterlichen Alma Mater. Doch anders als Pfarrer und Rechtsgelehrte mussten sich die Ärzte schon früh mit außerakademischer Konkurrenz herumschlagen.

Bis in die Moderne hinein tummelten sich auf dem Gesundheitsmarkt neben den studierten Fachkräften auch: Barbiere, Zahnausreißer, fahrende Wunderheiler, Hebammen, Kräutermischer. Ein weitreichender Beschluss der Kirche begünstigte diese Zweiteilung im Gesundheitsgewerbes: Im Jahr 1163 beschloss das Konzil von Tours, dass Geistliche (die damals noch einen guten Teil der studierten Mediziner stellten) keine blutige Arbeit verrichten dürften. Operieren war dem gelehrten Mann verboten.

Fortan entwickelte sich die Chirurgie als eigenständiges Handwerk – während sich die Mediziner an den Universitäten auf eher verquaste Heilphilosophie spezialisierte. Brauchbar für die Praxis war das kaum, wissenschaftlich im modernen Sinne ohnehin nicht. Und die Promotion war mit ihrem inszenierten Pomp zwar viel, aber sicher keine Prüfungsleistung, die diesen Namen verdiente. Der Doktorhut diente insbesondere der Abgrenzung.

In fast allen Fächer sanken die Promotionsquoten, als im 19. Jahrhundert neue, verbindlichere Abschlüsse wie das Diplom oder das Staatsexamen eingeführt wurden. In fast allen Fächer – außer der Medizin. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts zum Beispiel promovierten noch 33 Prozent aller Gymnasiallehrer. In den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts waren noch drei Prozent. Ende des 19. Jahrhunderts machten 80 bis 90 Prozent der Medizinstudenten den Doktor. Hundert Jahre später, zu unserer Zeit, sind es nur unwesentlich weniger.

Vom gelehrten Stand zum Gesundheitsdienstleister

Das Festklammern am Doktor dürfte auch eine Reaktion darauf sein, wie rasant sich das Arztbild wandelte. In Preußen etwa wurde Chirurgie im 19. Jahrhundert zum Bestandteil des Medizinstudiums; mit einem Mal verwischte eine jahrhundertealte Trennung. Die Disziplin sollte nicht mehr nur gelehrt daherreden, sondern sich an den neu entstandenen Naturwissenschaften orientieren, Krankheiten nicht nur philosophisch besprechen, sondern effizient behandeln.

Mit der Einführung der Krankenversicherung wurde der Arzt vom Vertreter eines gelehrten Standes zum wissenschaftlich geschulten Dienstleister breiterer Massen, wie die Sozialhistoriker Claudia Huerkamp herausgearbeitet hat. Im Selbstbild vieler Ärzte kam dies einem Abstieg gleich. Umso wichtiger war das mittelalterliche Relikt, um zu zeigen, was für eine andere Art von Mensch man doch war.

Zumal die Medizin seit jeher ein Studienfach der besseren Kreise war. Huerkamps Recherchen zufolge waren immerhin 30 Prozent der Studenten an Philosophischen und Theologischen Fakultäten Mitte des 19. Jahrhunderts Aufsteiger aus der Mittelschicht, unter den Medizinern waren es lediglich 20 Prozent. Auch heute noch ist das Medizinstudium eines der sozial selektivsten.

Eine moralische Weihe“

In einer Zeit, in der das Fach und der Beruf profaner wurden, wurde der Doktor umso mehr als fast schon religiöses Symbol romantisiert. Man lese nur, wie der Medizinhistoriker und spätere Rektor der Uni Breslau, August Wilhelm Henschel, im Jahr 1848 den Titel verteidigte.

Der Doktor, schreibt er, sei nicht einfach „ein gleichgültiges Pergament“, sondern eine „Lebensstellung unter den Lebendigen, eine Geisteshaltung unter den wissenschaftlichen Geistern“, die Promotion „eine moralische Weihe“, das „Zeichen einer intellektuellen Dignität“. Hier geht es nicht um eine schnöde Prüfung, es geht um akademisches Charisma. Je moderner das Berufsbild, desto mythischer und mittelalterlicher müssen die Insignien sein.

„Ohne das Doktorat“, fabuliert Henschel in pathetischen Worten, „ist der examinierte und approbierte Mann ein bloßer wissenschaftlich gebildeter Privatmann, ohne alle Auszeichnung vor der übrigen Welt.“ Niemals, niemals, niemals dürfe der Titel daher abgeschafft werden. „Nein, erst in das Leichentuch des letzten deutschen und preußischen Arztes gehüllt, kann das Doktorat begraben werden.“

Er scheint Recht zu behalten. Leider.

Weiterlesen:

Bernd Kramer: Der schnellste Weg zum Doktortiel. Warum selbst schreiben, wenn’s auch anders geht. Riemann Verlag. 288 Seiten.

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